Was bedeutet das Ergebnis der Unterhauswahl für Japans Zukunft und insbesondere für die Provinzen?
Am 21.11.2024 DJG Winsen von Noboru Miyazaki ehem. Lektor für das Japanische an der Universität Hamburg
IV. Provinzen verschwinden
Japans Provinzen verlieren seit Jahren massiv ihre Bevölkerung und die Regierungspartei LDP sieht dem tatenlos zu bzw. findet keine richtigen Maßnahmen dagegen. Nach der derzeitigen demografischen Entwicklung verschwinden bis 2040 900 lokale Gemeinde. Gegenwärtig gibt es landesweit 9 Millionen leerstehende Häuser und Wohnungen.
Mein Heimatdorf, mitten in den Bergen von Shikoku, ist nach der Legende vor 1000 Jahren entstanden, weil der Heike-Clan, zu dem unsere Vorfahren gehörten, in der Hauptstadt Kyoto den Machtkampf gegen den Genji-Clan verloren hatte und tief in die Berge fliehen musste. In der Spitzenzeit lebten in dem Dorf weit verstreut bis zu 5000 Menschen, heute nur noch knapp 1500.
Über meine Gemeinde, in der Teile meiner Familie bis heute leben, habe ich vorhin schon berichtet. So ein Dorf wird „Grenz“-Gemeinde genannt, was bedeutet: „hart an der Grenze zum Verschwinden“. In der nächsten Stufe wird das Dorf zur „Shometsu“-Gemeinde, also: „schon zerfallen“. Das bedeutet dann nicht mehr nur vereinzelt leerstehende Häuser, sondern die gesamte Gemeinde ist menschenleer.
Das ist sicher auch ein weltweites Phänomen. Z.B. gibt es in Spanien oder Italien ebenfalls solche Dörfer und eine Entvölkerung weiter Bereiche des Hinterlandes findet statt. Es handelt sich um teilweise große Flächen, die weit entfernt von Großstädten, Hauptverkehrswegen, Bahnlinien, Flughäfen oder Schifffahrtswegen liegen und die häufig von einer sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart problematischen Verwaltung betroffen sind.
In Japan begann die Entvölkerung der Provinzen Anfang der 60´ger Jahre mit dem Aufstieg zu einem führenden Industriestaat. Die Fabriken benötigten willige Arbeitskräfte. Bauern kamen aus den Provinzen als Saisonarbeiter und Schulabgänger, die mit 15 Jahren nach dem Abschluss der Mittelschule als „Goldenes Ei“ bezeichnet wurden, konnten massenhaft rekrutiert werden. Sie alle kamen nicht mehr zurück, sondern zogen die Fließbandarbeit der Feldarbeit vor.
Hätte man das nicht durch politische Maßnahmen verhindern können? Offensichtlich nicht, aber wir kennen auch ein anderes Beispiel. In der Schweiz sieht man überall bis auf die hoch gelegene Almen in den Bergen, Landschaften, die intakt zu sein scheinen. Dort oben weiden Kühen, ohne die die Schweiz ein Stück ärmer erscheinen könnte. Touristen mit idyllischen Vorstellungen über die Schweiz, hohe Berge und weidende Milchkühe auf der Alm, würden sicherlich bitter enttäuscht sein, wenn die Berge nur noch von Tannen oder Lärchen bewaldet wären. Vor allem würden die japanischen Touristen mit ihren stereotypen Vorstellungen von der Schweiz traurig und desillusioniert sein.
Als ich ca. einen Monat lang durch die Schweiz reiste, habe ich mal einen Mann gefragt, ob die Bauern mit den hoch gelegenen Almen genug fürs Leben verdienen? Er sagte ganz klar, dass sie ohne Subventionen durch den Staat nicht existieren könnten.
Das heißt auch: japanische Bergdörfer wie mein Heimatdorf hätten möglicherweise überleben können, wenn die Politiker Anfang der 60ger Jahre erkannt hätten, dass solche Dörfer auch eine Existenzberechtigung haben sollten - wenn auch mit Subventionen. Stattdessen hat die Politik alle Kinder für die Industrie rekrutieren lassen. Ich nenne so eine Politik „No (Agrar)sei (Politik)“, also ohne Agrarpolitik.
Für mein Heimatdorf ist die Zeit leider abgelaufen. Jedoch sollte man angesichts der Tatsache, dass Hungersnöte in der Welt immer schlimmer werden, und wegen des Klimawandels Anbauflächen für Agrarprodukte verschwinden, solche ursprünglich intakten Dorfgemeinden nicht einfach fallen lassen.
In absehbarer Zeit könnte die Sahelzone vermutlich nicht mehr bewohnbar sein. Die Menschheit steht früher oder später wieder vor einer großen Völkerwanderung wie damals um das Jahr 376, als die germanische Völkerwanderung begann, veranlasst durch den Einbruch der Hunnen in Süd- und Mitteleuropa. Diesmal könnte die große Völkerwanderung durch den Klimawandel veranlasst werden, wahrscheinlich aus Afrika und Südamerika - zumal wir auch die hohen Bevölkerungszahlen in diesen Ländern in Betracht ziehen müssen, da alle Forscher davor warnen. Dann bleibt uns nicht mehr viel Zeit. Beginnen könnte man vielleicht mit der Suche nach alternativen Überlebensmöglichkeiten, meinetwegen mithilfe von technischer Entwicklung, aber bitte nicht durch aberwitzige Expansion ins All.
Gibt es wirklich keine besseren Alternative? Hier kommt dann mein Heimatdorf noch einmal ins Spiel. 2013 kam ein Buch heraus mit dem Titel „Hausberg (Satoyama)“-Kapitalismus“ von Motani Kosuke und einem NHK-Hiroshima-Reporterteam. Sie recherchierten zusammen ca. anderthalb Jahre in den Dörfern der Präfektur Hiroshima über alternative Möglichkeiten zur Lebensführung und kamen zum Ergebnis, dass in den japanischen Provinzen genug Reichtum dafür zu entdecken gibt. Sie haben festgestellt, dass die Armut auch von Produkten kommt, die eingeführt werden müssen. Um die Gemeinde herum sind jedoch reichlich ungenutzte Quellen für Reichtum vorhanden, z.B. verlassene Ressourcen mit fruchtbarem Boden, der in alten Zeiten kultiviert war, oder in den Hausbergen kann man wertvolle Wildgemüse wie Wasabi oder Obst sammeln oder anbauen, auch kann man Kühe und Wagyu-Rinder weiden lassen. Es gibt mehr als genug Bambussprösslinge, nicht zu vergessen Pilze wie Shiitake, sehr teure Matsutake (Krokodilritterling, die besten Standorte in Europa wären sandige Kiefernwälder in Nordfinnland) usw., auch Esskastanien und Wildtrauben oder Beeren gibt es reichlich in den japanischen Bergen.
Energie durch Wasserkraftwerke kann vor Ort gewonnen werden, nicht nur mit großen Anlagen, sondern mit kleinen für ein paar Haushalte. Auch mit Holzpellets kann ein Wärmekraftwerk betrieben werden, denn es gibt viele ungenützte Bäume, meist japanische Zedern in Monokultur wie in meinem Dorf. Dem Team sind an vielen Oren auch Menschen begegnet, die ihre natürlichen Ressource als Lebensgrundlage betrachten und bereit sind, ihr Wissen weiterzugeben.
Das ist sicherlich eine Hoffnung. Einige junge Menschen siedeln auch in die Dörfer zurück. Aber die Japaner sind bekanntlich unsentimental und keine Naturfundamentalisten.
Auf japanische Esstische kommen viele Gemüsesorten aus industriell betriebenen Treibhäusern. Ein sri-lankischer Forscher an einer japanischen Uni hat herausgefunden, dass Pflanzen mit ultravioletten LED-Lampen am schnellsten wachsen. Der nötige Dünger kommt in solchen Gemüse-Fabriken durch Wasserrohre, sauber und keimfrei.
Fischzucht ist ebenfalls eine unverzichtbare Industrie in Japan geworden. Lachs, der nach 6, 7 Jahren geschlechtsreif wird, kann naturgemäß nur einmal Laich (Logen) produzieren. Nach der Befruchtung sterben sie alle. Aber mit der Genmodifikationsmethode hat ein Forschungsteam an der Ozeanographischen Hochschule Tokio einen Lachs-Jungfisch aus einer Regenbogenforelle erzeugt, der Lachs-Laich oder Sperma im Bauch trägt. Sie werden nach1 bis 2 Jahren fruchtbar werden und jedes Jahr Lachs-Jungfische erzeugen. So kann Lachs schneller verkaufsreif gezüchtet werden.
Auch der Kinki Universität in Osaka ist es 2002 gelungen, Thunfisch aus Laich zu züchten, der nach 2 Jahren 20 Kg, nach 3 Jahren sogar 40 Kg wiegt. Dieser Kindai-Tunfisch wurde ab 2004 auf den Markt gebracht.
Eine Zuchtmethode für Aal vom Ei an war bisher nahezu unvorstellbar, nur vom Jungfisch aus war es möglich. Die Jungfische (Shirasu genannt) wurden irgendwo in Tiefenseegräben westlich der Marianen erzeugt und kamen mit der Meeresströmung bis an die japanische Küste, wo Fischer sie fangen können. 2010 ist es doch gelungen, 3 Jungfische vom Ei aus zu gewinnen und 2023 schon 1029 Exemplare. Die Forscher konnten also die Zucht vom Ei aus über den Jungfisch bis zum ausgewachsenen Fisch betreiben, von dem aus dann wiederum Eier gewonnen werden.
Es ist fraglich, ob die Menschheit mit solchen Methoden Hungernöte global lösen kann. Der Klimawandel schreitet den Wissenschaftlern zu folge viel schneller voran als man sich vorgestellt hat. Dieses Jahr hat die Durchschnittstemperatur bereits 1.5 Grad Celsius der vorindustriellen Zeit überschritten. Große Waldbrände und Überflutungen wie vor kurzem in Südspanien zerstören Anbaugebiete.
Wir brauchen dringend Jugendliche in Japan, die sich mehr einbringen, denn das Wort „politisches Engagement“ ist heutzutage fast ein Fremdwort geworden ist. In der Klimakonferenz COP erhält Japan jedes Mal den Fossil-Preis für nicht-Einhaltung der Klimaziele. Es gibt zwar einige engagierte Menschen für Klimaschutz in den Provinzen, aber zu wenig Jugendliche, obwohl es um ihre Zukunft geht.
Japan muss sich angesichts der großen Herausforderungen neu erfinden, um sich von der energieintensiven Industrie zu einer effizient gemanagten Smartindustrie hin zu entwickeln. Zu der Kernindustrie gehören aber weiterhin auch Chemie- oder Stahlindustrie, die unverzichtbar bleiben. Da sie sehr energieintensiv sind, sollte die Wasserstoffproduktion eine immer wichtigere Rolle spielen.
Die Erkenntnis ist mittlerweile eine allgemeine geworden, aber das Problem ist nicht nur das Energieproblem. Agrarprodukte werden wahrscheinlich künftig auch mehr in Industrieanlagen hergestellt. Für alle Industrien fehlen aber immer mehr die Arbeitskräfte. Können Roboter etwa alle Früchte ernten?
Um fehlende Arbeitskräfte aus dem Ausland zu holen, müssen Japaner allerdings zuerst eine geistige Anstrengung machen, nämlich sich von ihrem Glauben an das reine japanische Blut zu verabschieden. Die Japaner sind ein Mischvolk von der südlichen ozeanischen und von der nördlichen kontinentalen Linie, aber nicht aus rein japanischem Blut, wie die ultraradikalen Rechtsaußen-Politiker glauben wollen.
Japan war bereits ab der Übernahme des Buddhismus im 8. Jahrhundert ausgesprochen multikulturell. Es gab regen Austausch zwischen den verschiedenen chinesischen Dynastien und Japan. Mehrfach wurden Gesandten nach China geschickt, viele studierten Jahrzehnte lang in China und brachten am Ende die Schriften über Buddhismus, Philosophie, Verwaltungsregeln oder Technologie nach Japan. Ohne diesen Hintergrund gibt es kein japanisches Denken. Ich hoffe, dass sich Japan rechtzeitig seiner Geschichte besinnt, bevor niemand mehr nach Japan kommen will. Sonst werden sie nur noch von Robotern gepflegt, die mit Sicherheit kein japanisches Blut enthalten.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit