Telemedizin hat die Versorgung mit medizinischem Cannabis spürbar verändert. Nicht, weil alles plötzlich leichter wäre, sondern weil der Weg klarer und planbarer wird. Sie ersparen sich Wartezimmer und Anfahrten, bekommen aber trotzdem eine fachärztliche Einschätzung und, wenn die Indikation passt, ein Rezept, das in einer Apotheke eingelöst werden kann. Der Prozess ist strukturiert, nur von außen wirkt er manchmal undurchsichtig. Hier ist die realistische, praxistaugliche Anleitung, inklusive typischer Fallstricke, Kostenhinweisen, und Kriterien, an denen Ärztinnen und Ärzte sich orientieren.
Ich schreibe aus der Perspektive eines Praktikers, der sowohl Patientengespräche geführt als auch Prozesse in telemedizinischen Anbietern aufgebaut hat. Ein System ist nur so gut wie sein schwächstes Glied, und beim Thema Cannabis sind das oft Dokumentation, Indikationsbegründung und die Koordination mit Apotheken. Wenn Sie diese drei sauber spielen, läuft der Rest deutlich reibungsloser.
Was telemedizinisch geht, was nicht
Juristisch ist in Deutschland die Verordnung von medizinischem Cannabis per Fernbehandlung zulässig, solange die Grundprinzipien ärztlicher Sorgfalt gewahrt werden. Darunter fällt ein ordnungsgemäßes Erstgespräch per Video, eine nachvollziehbare Anamnese, Aufklärung und, wichtig, eine schlüssige Dokumentation der Indikation. Ein rein schriftlicher Fragebogen ohne Arztkontakt reicht nicht. Telefon reicht selten, Video ist Standard.
Die Einlösung des Rezepts erfolgt in einer Apotheke, die Abgabe darf nach Identitätsprüfung auch per Versand erfolgen, wenn die Apotheke das anbietet. Rezepttypen variieren: BtM-Rezept bei Cannabisblüten und -extrakten, elektronisches Rezept mit BtM-Workflow kommt schrittweise, in der Praxis sind viele Prozesse noch hybrid.
Gesetzlich Versicherte können eine Kostenübernahme beantragen, die Entscheidung trifft die Krankenkasse nach ärztlicher Begründung und häufig mit Einschaltung des MD. Privat Versicherte reichen die Rechnung ein, je nach Tarif erfolgt die Erstattung ganz, teilweise oder gar nicht. Wer selbst zahlt, muss mit spürbaren Monatskosten rechnen.
Der Kernprozess in der Telemedizin, ohne Beschönigung
Viele Plattformen beschreiben einen einfachen 3-Schritte-Pfad. In der Realität sind es eher fünf bis sieben Stationen, und manche schleifen drehen sich zurück, wenn Unterlagen fehlen.
1) Eignungscheck und Terminbuchung

Bei gesetzlich Versicherten lohnt sich die Frage, ob ein Kostenübernahmeantrag geplant ist. Falls ja, sollten Sie für die Erstvorstellung mehr Zeit einplanen, weil die Begründung detaillierter sein muss.
2) Video-Erstgespräch mit Anamnese und Risikoabwägung
Rechnen Sie mit 20 bis 40 Minuten. Die Ärztin oder der Arzt arbeitet entlang von Leitplanken: Welche Indikation, welche Symptomschwere, welche Vortherapien, welche Kontraindikationen, welche Ziele, welches Risikoprofil. Klassische Kontraindikationen sind Psychosen, instabile kardiale Erkrankungen, unbehandelte schwere Angststörungen, Schwangerschaft. Relative Kontraindikationen, bei denen man sehr genau abwägt, sind jugendliches Alter, stärkere Suchtanamnese, oder aktive Führerscheinproblematik bei beruflichem Fahrdienst.
Je konkreter Sie zu Vortherapien werden, desto besser: „Amitriptylin 25 mg über 8 Wochen, müde, aber keine nachhaltige Wirkung“, „Naproxen 500 mg, 2 bis 3 Mal pro Woche, Magenbeschwerden“. Das ist Gold in der Argumentation, dass Leitlinienoptionen ausgeschöpft wurden.
3) Therapieentscheidung und Produktauswahl
Hier trennt sich Routine von Improvisation. Ärztinnen und Ärzte wählen zwischen Blüten und Extrakten, THC/CBD-Gehalten, Monopräparaten und Kombinationen. Bei Schmerzpatienten startet man nachvollziehbar oft mit einem CBD-dominierten Extrakt plus niedrig dosiertem THC, weil die Toleranzentwicklung und psychoaktive Effekte so besser steuerbar sind. Bei Spastik oder Appetitlosigkeit kann ein THC-dominanter Ansatz sinnvoll sein, jedoch mit konservativer Titration.
Blüten werden in der Praxis meist erst nach einem Extraktversuch oder bei klarer Indikation verschrieben. Sie sind variabler, die Inhalation wirkt rasch, aber Dosisgenauigkeit und Führerscheinrisiko sind heikler. Extrakte sind kalkulierbarer, aber brauchen 30 bis 90 Minuten bis zur Wirkung und sollten über Tage titriert werden.
4) Aufklärung, Vertragsunterlagen, ggf. Führerschein-Thematik
Gute Telepraxen dokumentieren ein strukturiertes Aufklärungsgespräch: Wirkungen, Nebenwirkungen (Müdigkeit, Mundtrockenheit, Schwindel, Tachykardie, Verwirrtheit bei Überdosierung), Interaktionen mit Benzodiazepinen, Z-Substanzen und Alkohol, Fahrtüchtigkeit, Arbeitsplatzsicherheit. Viele lassen ein Einverständnisformular digital signieren. Fragen Sie pragmatisch nach, was in der Fahrerlaubnis sinnvoll ist: In Deutschland ist Fahren unter THC-Einfluss verboten, auch bei medizinischer Verordnung. Der sichere Weg ist, Konsum und Fahren sauber zu trennen, mindestens 24 Stunden nach THC-Einnahme, im Zweifel länger, je nach Dosis, Stoffwechsel und Konsummuster. Wer berufsbedingt fährt, sollte einen arbeitsrechtlichen Blick einholen.
5) Rezeptstellung und Apothekenkoordination
Nach der Freigabe erzeugt die Praxis das BtM-Rezept. Weil viele Apotheken Cannabis nicht vorrätig haben oder nur bestimmte Sorten, ist eine gezielte Zuweisung sinnvoll. Gute Anbieter arbeiten mit Partnerapotheken, die verfügbare Sorten, Chargen und Preise transparent melden. Versand ist üblich, benötigt aber eine eindeutige Identitätsprüfung. Rechnen Sie mit 2 bis 5 Werktagen bis zur Zustellung, wenn die Ware nicht auf Lager ist, mit mehr.
6) Erste Einnahme, Titrationsphase, Monitoring
Die ersten 2 bis 4 Wochen sind entscheidend. Start low, go slow ist keine Floskel, sondern verhindert die zwei häufigsten Probleme: unangenehme Nebenwirkungen und zu rasches Toleranzwachstum. Ein realistisches Startschema beim THC-haltigen Extrakt liegt bei 1 bis 2,5 mg THC abends über zwei bis drei Tage, dann in 1 bis 2,5 mg Schritten alle 2 bis 3 Tage erhöhen, bis der Zielbereich erreicht ist, oft zwischen 5 und 20 mg THC pro Tag, je nach Indikation. CBD liegt häufig im Bereich von 25 bis 100 mg pro Tag, teils höher. Bei Blüten entspricht ein kleiner Inhalationszug je nach Sorte bereits 1 bis 3 mg THC, deshalb ist Dosiertreue dort anspruchsvoller.
Protokollieren Sie Wirkung und Nebenwirkung knapp: Uhrzeit, Dosis, Symptomskala 0 bis 10, Nebenwirkungen. Ein einfaches Spreadsheet oder eine Notiz reicht. Das spart Zeit im Folgetermin und erhöht die Therapiequalität merklich.
7) Verlaufskontrollen und Anpassung
Follow-ups in der Telemedizin liegen typischerweise nach 2 bis 4 Wochen, dann alle 2 bis 3 Monate, abhängig von Stabilität und Versicherungsstatus. Die Ärztin entscheidet über Dosisanpassungen, Produktwechsel, oder einen Auslassversuch, wenn sich keine Verlässlichkeit zeigt. Wer eine Kasse an Bord hat, liefert währenddessen Outcomes: Schmerzskalen, Schlafqualität, Medikamentenreduktion (zum Beispiel weniger Opioide oder Benzodiazepine).
Die Frage nach der Indikation: wann ist Cannabis medizinisch plausibel?
Es gibt keine kurze Liste, die alles abdeckt, aber es gibt Muster, die Ärztinnen und Kostenträger überzeugend finden:
- Chronische Schmerzen, wenn Stufe-1- bis Stufe-3-Analgetika unzureichend oder unverträglich waren, insbesondere neuropathische Schmerzanteile. Ziel ist Funktionsgewinn, nicht nur „Schmerz auf 0“. Wenn Sie zeigen, dass die Gehstrecke steigt oder die Arbeitsfähigkeit stabiler wird, überzeugt das. Spastik bei MS oder Rückenmarkserkrankungen, vor allem wenn klassische Antispastika Nebenwirkungen gemacht haben. Appetitlosigkeit und Übelkeit unter Chemotherapie, palliativmedizinische Situationen mit Belastungssymptomen. Angst- und Schlafstörungen sind heikel, weil hier psychotherapeutische und pharmakologische Erstlinientherapien gelten. Cannabis kann im Einzelfall Sinn ergeben, aber die Begründung muss akribisch sein, und Substanzgebrauchsstörungen gehören zuerst behandelt, nicht kaschiert.
Was gar nicht funktioniert: vage Beschwerden ohne konkrete Funktionsziele, fehlender Nachweis von Vortherapien, gleichzeitiger hochfrequenter Alkohol- oder Benzodiazepinverbrauch, oder Erwartungen, die Cannabis nicht leisten kann, etwa eine komplette Remission einer schweren Depression.
Kosten, Zeitachsen und realistische Erwartungen
Privat oder Selbstzahler: Für das Erstgespräch in der Telemedizin sehen Sie je nach Anbieter und Gebührenordnung Beträge von etwa 80 bis 180 Euro, Folgetermine 40 bis 120 Euro. Die Medikamente selbst variieren stark. Als grobe Orientierung liegen monatliche Kosten häufig zwischen 150 und 350 Euro bei Extrakten, bei Blüten zwischen 180 und 500 Euro, je nach Sorte, Apothekenaufschlag und Dosis. CBD-dominierte Präparate können günstiger sein, sind aber nicht automatisch erstattungsfähig.
Gesetzlich versichert mit Kassenantrag: Das dauert. Von der Einreichung bis zur Entscheidung vergehen oft 3 bis 8 Wochen, in Einzelfällen länger. Den Antrag gut vorzubereiten, spart Zeit. Wenn ein vorheriges Gutachten vorliegt, das zum Beispiel einen neuropathischen Schmerz bestätigt, steigt die Erfolgswahrscheinlichkeit. Eine Ablehnung ist nicht das Ende, Widerspruch mit ergänzender Begründung hilft häufig, wenn anfänglich Unterlagen fehlten.
Zeit seit Erstkontakt: Bei Selbstzahlern kann zwischen Erstkontakt und erster Einnahme eine Woche liegen, wenn die Apotheke verfügbar ist. Bei Kassenanträgen ist der realistische Startpunkt nach Bewilligung. Manche wählen eine Übergangstherapie auf Selbstzahlerbasis in niedriger Dosis, um die Verträglichkeit zu testen, solange die rechtlichen Rahmenbedingungen der Praxis das zulassen.
Was oft schiefgeht, und wie man es verhindert
In der Praxis sehe ich drei wiederkehrende Stolpersteine. Erstens, fehlende Belege zu Vortherapien. Ein Satz wie „Schmerzmittel halfen nicht“ hat in einem Antrag kaum Gewicht. Apothekenquittungen, ein kurzes Arztbrief-Excerpt, oder eine Liste der Substanzen mit Dosis und Dauer schaffen Substanz.
Zweitens, zu schnelle Dosissteigerung. Wer in der ersten Woche schon bei 15 mg THC pro Dosis landet, scheitert oft an Müdigkeit, Herzklopfen oder kognitiver Verlangsamung. Das führt zu Verunsicherung und Therapieabbruch, obwohl eine langsamere Titration gut funktioniert hätte.
Drittens, Produktverfügbarkeiten. Eine Sorte, die in Kalenderwoche 3 gut war, ist in Woche 7 plötzlich nicht lieferbar. Lösung ist ein Plan B mit vergleichbarer THC/CBD-Relation und Terpenprofil, oder der Wechsel zu einem standardisierten Extrakt für die Basistitration, Blüten optional als Bedarfskomponente.
Szenario: Anna, 42, neuropathischer Schmerz nach Bandscheiben-OP
Anna ist Bürokauffrau, 60 Prozent Stelle, seit ihrer Lumbal-OP vor zwei Jahren hat sie brennende Schmerzen im Bein, nachts zieht es, tagsüber kann sie nur 30 Minuten am Stück sitzen. Sie hat Amitriptylin probiert (müde, verkatert am Morgen), Duloxetin (Übelkeit), Pregabalin (benebelt). Ibuprofen und Naproxen geben Magenprobleme. Sie fährt selten Auto, hat keine Psychosen in der Familie, trinkt gelegentlich ein Glas Wein.
Telemedizinisch läuft es so: Im Fragebogen trägt sie die Medikamente mit Dosis und Dauer ein. Im Video erklärt sie, dass ihr Ziel nicht „0 Schmerz“, sondern 4 statt 7/10 ist, plus 45 Minuten Sitzen ohne Aufstehen. Die Ärztin schlägt einen CBD-dominierten Extrakt mit abendlicher THC-Beigabe vor. Start mit 25 mg CBD morgens, 25 mg abends, plus 1 mg THC abends 3 Tage, dann 2 mg, dann 3 mg. Nach zwei Wochen ist Anna bei 50 mg CBD/Tag und 5 mg THC abends, schläft ruhiger, der Schmerz ist auf 5/10. Nach vier Wochen ergänzt sie 1 mg THC am frühen Abend. Sie fährt an Tagen mit THC nicht, hat das im Team kommuniziert. Einmal gab es Herzklopfen nach zu schneller Steigerung, sie hat in Rücksprache eine Stufe zurückgenommen. Nach drei Monaten ist sie stabil, arbeitet 80 Prozent, Naproxen braucht sie nur noch an zwei Tagen im Monat.

Diese Geschichte ist typisch für funktionierende Verläufe: realistisches Ziel, saubere Titration, klare Grenzen beim Fahren, und Dokumentation, die eine Kasse eher überzeugt.
Wie man die richtige Telemedizin-Praxis und Apotheke auswählt
Sie brauchen keinen Hochglanz, Sie brauchen Stabilität. Prüfen Sie diese Signale:
- Klare Erreichbarkeit im Verlauf: Gibt es einen definierten Weg für Fragen in der Titrationsphase, Antwortzeiten unter 48 Stunden? Transparente Indikationskriterien: Seriöse Anbieter sagen offen, wann sie nicht verordnen. Apothekennetz mit Lagerauskunft: Ein Blick auf verfügbare Sorten und Extrakte vor Rezeptstellung verhindert Funkstille. Dokumentationsexzellenz: Sie erhalten Kopien der Anamnese und Aufklärung, idealerweise eine kurze Indikationsbegründung schriftlich. Das ist bei Kassenanträgen bares Papier wert. Datenschutz und Identitätsprüfung: Solide Videoanbieter, verschlüsselte Kommunikationswege, eindeutige ID-Verifikation. Wenn das nachlässig wirkt, Finger weg.
Bei der Apotheke zählt neben Preis vor allem die Kompetenz im BtM-Workflow und bei Cannabisprodukten. Erfahrene Teams kennen Chargenvariabilität, beraten zu Verdampfertemperaturen bei Blüten und prüfen Interaktionen. Versandapotheken mit Cannabisfokus sind praktisch, lokale https://rentry.co/zmk3d8fr Apotheken punkten mit persönlicher Erreichbarkeit. Kompromiss: eine spezialisierte Versandapotheke für die Grundversorgung, eine lokale für kurzfristige Bedarfe.

Dosierung, Formen, Interaktionen: praktische Leitplanken
Formen: Ölbasierte Extrakte sind für die Grunddosis ein Arbeitspferd. Orale Tropfen machen es leicht, in 1 mg THC-Schritten zu steigern. Kapseln sind bequem, aber unflexibler. Blüten sind für rasches Einsetzen geeignet, bei Bedarfssituationen wie Durchbruchschmerz oder Spastikspitzen. Vaporizer mit Temperaturkontrolle sind Pflicht, Verbrennung per Joint ist medizinisch nicht vertretbar.
Dosierung: Die individuelle therapeutische Breite ist groß. Viele landen bei THC zwischen 5 und 20 mg pro Tag. Einzelne benötigen 40 mg oder mehr, dann steigt die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen. Bei CBD sind 50 bis 200 mg pro Tag gängig. Es lohnt sich, die Dosis an die Tageszeiten zu koppeln, in denen die Symptome stören. Nachtprobleme, dann abends THC, tagsüber eher CBD, weil es kognitiv weniger bremst.
Interaktionen: Vorsicht bei zentral dämpfenden Substanzen, insbesondere Benzodiazepinen, Z-Substanzen, Opioiden, Alkohol. Die Kombination addiert sich. Bei Warfarin und anderen Vitamin-K-Antagonisten sowie bei einzelnen Antiepileptika können CYP-Interaktionen relevant sein, da einige Cannabisbestandteile CYP-Enzyme beeinflussen. In der Praxis heißt das, INR und Spiegel im Auge behalten und die Medikation nicht unkoordiniert verändern.
Fahrtüchtigkeit: Medizinisches Cannabis ist keine Fahrberechtigung. Entscheidend ist die tatsächliche Beeinflussung. THC wirkt psychoaktiv, Spuren sind lange nachweisbar, die rechtliche Lage bleibt streng. Die sicherste Linie ist, THC-haltige Einnahmen und Fahren zu trennen, großzügig zeitlich versetzt. Arbeitgeber, die Drogentests durchführen, sollten informiert sein, idealerweise mit ärztlicher Bescheinigung, aber auch die dürfen Sicherheitsinteressen geltend machen.
Dokumentation, die Ihnen später Ärger erspart
Dokumentation ist nicht Zierde, sondern Versicherung. Halten Sie drei Dinge fest: Indikation mit Funktionsziel, Vortherapien mit Dosis und Dauer, und Verlauf mit Symptomskalen. Ein Beispiel reicht:
- Ziel: Schmerz 7/10 auf 4/10, Sitzen 45 Minuten am Stück, 30 Prozent weniger Bedarf an Naproxen. Vortherapien: Amitriptylin 25 mg, 8 Wochen, Schläfrigkeit; Duloxetin 60 mg, 6 Wochen, Übelkeit; Pregabalin 150 mg, 4 Wochen, Benommenheit; Naproxen 500 mg, 3 bis 4 Mal/Woche, Magenbeschwerden. Verlauf: Woche 1, 1 mg THC abends, 25 mg CBD/Tag, Schmerz 6/10, Nebenwirkung leichte Müdigkeit; Woche 3, 4 mg THC, 50 mg CBD, Schmerz 5/10, Funktion verbessert.
Diese knappe Chronik erleichtert jede Verlaufskontrolle, jeden Kassenantrag und jede Diskussion mit Skeptikern.
Was ändert sich, wenn Sie unter Budget, unter Zeitdruck oder mit Nebenbedingungen arbeiten?
Unter Budgetdruck: Ein standardisierter Extrakt mit klarer Dichte kann auf Dauer günstiger sein als wechselnde Blütensorten mit hohen Aufschlägen. Zusätzlich kann ein Fokus auf CBD plus sehr niedrige THC-Dosen Kosten und Nebenwirkungen reduzieren. Wer privat zahlt, profitiert von einer frühen Outcome-Orientierung: Wenn nach 6 bis 8 Wochen keine belastbare Verbesserung der Funktion eintritt, hat es wenig Sinn, das Budget zu verbrennen.
Unter Zeitdruck: Selbstzahler mit planbarer Lieferung sind schneller startklar. Aber Abkürzungen bei der Aufklärung rächen sich. Besser ein 30-minütiges Erstgespräch und ein klarer Titrationsplan als zwei kurze Kontakte ohne Struktur.
Mit Fahrerlaubnis als kritischem Faktor: THC am Abend, strikte Fahrpause am Folgetag, eventuell CBD als Tagesoption. Schreiben Sie sich eine Erinnerung, damit Routine nicht zur Falle wird. Bei beruflichem Fahren ist Cannabis oft nicht kompatibel. Dann lohnt sich die ehrliche Diskussion, ob es Alternativen gibt, bis die Arbeitsbedingungen sich ändern.
Häufige Fragen, kurz beantwortet
Bekomme ich auf Anhieb ein Rezept?
Nein, nur wenn Indikation, Vortherapien und Risikoabwägung schlüssig sind. Telemedizin heißt nicht Rezeptautomat.
Kann ich einfach die Sorte wählen, die mir ein Freund empfohlen hat?
Sie können Wünsche äußern, aber die Therapie ist individuell. Entscheidend sind Indikation, THC/CBD-Balance und Verfügbarkeit. Eine Sorte, die bei einem anderen funktioniert, ist kein Garant.
Wie schnell merke ich Wirkung?
Bei Inhalation Minuten, bei oralen Extrakten 30 bis 90 Minuten. Die Gesamteffekte auf Schlaf, Schmerzverarbeitung und Funktion bauen sich über Tage auf. Wer jeden Tag die Dosis wechselt, jagt dem Effekt hinterher.
Macht Cannabis abhängig?
Das Risiko steigt mit THC-Dosis und täglichem Gebrauch. Bei medizinischer, niedrig dosierter, strukturierter Anwendung ist das Risiko geringer, aber nicht null. Signale wie Toleranzanstieg, Kontrollverlust oder Gebrauch zur Bewältigung jeder Stimmung sollten ernst genommen werden.
Darf ich fliegen, wenn ich Cannabis verschrieben bekomme?
Innerhalb Deutschlands ist der Transport mit ärztlicher Bescheinigung möglich. International ist das riskant, teils verboten. Klären Sie die Rechtslage des Ziellandes, oder lassen Sie das Medikament zu Hause. Für Reisen im Schengenraum gibt es gesonderte Bescheinigungen, die Beschaffung kostet Zeit.
Ein Schritt-für-Schritt-Plan, der in der Praxis funktioniert
- Unterlagen sammeln: Kurzbericht zu Vortherapien, aktuelle Medikamente, relevante Arztbriefe. Teletermin buchen und den Fragebogen sorgfältig ausfüllen, konkret statt allgemein. Im Erstgespräch Funktionsziele vereinbaren und eine Titrationsstrategie festhalten, schriftlich geben lassen. Apotheke mit Verfügbarkeit klären, Plan B benennen, Lieferweg bestätigen. Erste 4 Wochen strukturiert protokollieren, Nebenwirkungen eng kommunizieren, nicht aus dem Bauch nachdosieren.
Woran Sie den Therapieerfolg erkennen
Nicht am perfekten Symptomwert, sondern an echter Lebensverbesserung. Sie schlafen durch, statt dreimal aufzuwachen. Sie gehen wieder zwei Haltestellen zu Fuß. Sie reduzieren Bedarfsmedikamente. Kolleginnen merken, dass Sie nachmittags wacher sind. Diese Marker sind robuster als jede Skala. Wenn Sie sie nicht sehen, stellen Sie die Therapie infrage, auch wenn theoretisch „noch mehr“ ginge.
Der faire Blick auf Risiken und Grenzen
Cannabis ist kein Allheilmittel. Bei manchen Indikationen, etwa schweren depressiven Episoden oder komplexen Schmerzsyndromen mit starker psychosozialer Komponente, verpufft der Effekt oder verdeckt andere Baustellen. Die kognitive Schärfe kann leiden, vor allem bei höheren THC-Dosen. Wer in einem Beruf arbeitet, der konstante Aufmerksamkeit erfordert, spürt das schnell.
Die größte Gefahr ist nicht die Substanz, sondern die schlechte Prozessführung: fehlende Ziele, mangelnde Titration, kein Monitoring, keine Plan-B-Strategie bei Lieferengpässen. Wer diese Punkte sauber löst, holt aus der Therapie, was sie leisten kann, ohne sich zu verrennen.
Was Sie heute konkret tun können
Wenn Sie den telemedizinischen Weg gehen möchten, investieren Sie zwei Abende. Am ersten sammeln Sie Unterlagen und schreiben Ihre Ziele auf. Am zweiten buchen Sie den Termin und richten eine einfache Protokollvorlage ein. Alles Weitere ergibt sich im Gespräch, aber diese Vorarbeit verdoppelt Ihre Chancen auf einen klaren, zügigen Prozess.
Und wenn die Ärztin im Erstgespräch sagt, dass Cannabis bei Ihrer Konstellation wenig Aussicht hat, nehmen Sie das als Wert mit. Eine ehrliche Absage spart Ihnen Kosten, Zeit und Frust, und lenkt den Blick auf Therapien, die besser passen. Genau dafür gibt es gute Medizin, telemedizinisch oder vor Ort: die richtigen Dinge tun, die falschen lassen.